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Babylon, Stahl, Anröchter Stein, Glas, Buchstabennudeln
© vg bildkunst
Auszug aus einem Gespräch zwischen Jörg Haberland und Hans-Werner Schmidt*

Schmidt:
Sie arbeiten mit Buchstaben, sei es als "Buchstabensalat" oder als Buchstaben, die in eine Ordnung gebracht sind, so daß sie Wörter ergeben. Das ist ja eigentlich das Anbindungsstück an das, was wir concept art nennen, obwohl concept art oft das Material meidet, sie läßt es dann meist beim Konzept, beim schriftlich fixierten, allenfalls bei visuellen Fußnoten. Wie geht das bei Ihnen zusammen?


J .H.: Sicher, das ist Teil der concept art, aber ich möchte mich nicht unter dieser Überschrift einordnen lassen.

Dann frage ich Sie folgendes: Wir haben jetzt draußen eine Arbeit von Lawrence Weiner an den Scheiben im Treppenhaus der Kunsthalle und dazu einen Schaukasten mit ein paar Publikationen zu Lawrence Weiner, weil viele Leute Lawrence Weiner hier nicht kennen. Es gab 1969 in der Kunsthalle Bem eine Ausstellung "When attitudes become form", also Wenn Haltungen Form werden, ein ziemlicher Meilenstein in der Ausstellungsgeschichte, und damals gab es von Weiner einen Text, den wir auch ausgelegt haben, ich kann ihn jetzt nur frei zitieren: Ein Kunstwerk wird vom Künstler ausgeführt. Ein Kunstwerk kann von anderen ausgeführt werden. Das Kunstwerk muß nicht ausgeführt werden - es lebt als geistiges Gut. Und alle drei Möglichkeiten sind gleichberechtigt.**

Das sehe ich auch so. Dann kann ich die Frage vielleicht so beantworten: Das Konzept liegt bei mir auch so vor, das stimmt schon. Warum ich es nicht dabei belasse, ist, eben doch immer wieder zu einer Materialisierung zu kommen oder besser gesagt: Das Material, seine eigene Sprache, auch der Spaß am Experiment damit, sind schon von vornherein ein wesentlicher Teil des Konzepts - auch wenn die meisten neueren Arbeiten den Anschein erwecken, beliebig anfertigbar zu sein, weil sie sehr geometrisch sind.

Machen sie das selbst?

Ich mache fast alles selbst. Ich könnte die Kreisform schweißen lassen, ich könnte die Steine machen lassen, das wäre kein Thema. Nur, warum ich das nicht machen kann, ist, weil ich immer einen proportionalen Bezug habe - zu mir als Person, d.h. eben auch zum Betrachter, aber auch immer zu dem Raum, in dem ich arbeite. In einer Art Einzelskulptur gibt es mehr den Personenbezug und ich muß im Entstehungsprozeß selber immer wieder überprüfen, ob das überhaupt stimmt. Und es ist wirklich so, wenn etwas um zwei Zentimeter nicht stimmt, dann wird das neu gemacht. Das macht einen Unterschied und der ist für mich entscheidend.

Es gibt jetzt zwei Moglichkeiten. Da ist die Idee und die führen Sie aus, weil es um die anschaulichen Dimensionen geht, weil sie das Material erfahren wollen. Das ist sehr arbeits- und energieintensiv für Sie. Es gibt jetzt also zwei Möglichkeiten: a) In der Auseinandersetzung mit dem Material gewinnen Sie neue Ideen; b) könnten Sie aber sagen, wenn ich es jemand anderen ausführen lasse, habe ich mehr Zeit, weitere Ideen zu entwickeln.

Ja, aber bei der zweiten Möglichkeit müßte ich gegen ganz andere Widerstände angehen. Das sind ja keine wirklich persönlichen Erfahrungen mehr, die ich dann gewinne, sondern es sind schon aufbereitete. Das ist ungefähr zu vergleichen mit einer Erfahrung, die ich persönlich in einer Handlung gewonnen habe und einer, die ich in einem Medium wahrgenommen habe - aufbereitete Erfahrung durch Video oder Fernsehen, beispielsweiise...

Wenn ich jetzt die zwei ineinander verschlungenen Ringe sehe, der eine ist Stahl, der andere ist wohl Granit. Es sind jedenfalls sehr harte Materialien, die von Ihnen entsprechenden Arbeitseinsatz abverlangen, um ihren Formvorstellungen zu folgen. Warum machen Sie z. B. die ineinander verschlungenen Kreise nicht aus Sperrholz, das für den Modellbau genutzt wird? Warum muß es diese heftige, schwere, Ihnen Widerstand entgegenbringende Material sein?

Also, das ist einmal aus der Skulptur in sich zu verstehen, Der Stein hat ja mehr Gewicht als der Rest der Skulptur. Der Stein hält das Ganze in Balance.

Ich bleib jetzt mal hartnäckig, mit Mikadostäbchen bekommen Sie auch Balance hin - ich wundere mich eben, warum Sie mit diesen extrem schweren, und schwer zu bearbeitenden Materialien arbeiten. Ich frage mich, kann das, was zum Ausdruck kommen soll, z.B. Balance oder das Tragen einer Schrift, nicht mit anderen Werkstoffen umgesetzt werden?

Ja sicher, aber genau die Schwere kann das Material nie vermitteln.

Es geht Ihnen also auch um den Ausdruck der Schwere.

Es geht auch darum. Das ist ein Teilaspekt, der sich auf einer bestimmten Ebene bewegt, die ich berücksichtige, die auf jeden Fall mitschwebt. Es lassen sich nicht völlig logische Verknüpfungen der verschiedenen Ebenen mit Worten darstellen. Wenn es möglich wäre, dann würde ich in der Tat keine Skulptur machen, dann würde ich es beim Konzept belassen und zum Beispiel eine Rede halten. Das wäre für mich überhaupt kein Problem. Aber ich suche immer nach der Form, die diesen komplexen Vorstellungen am nächsten kommt.

Sie zeigen das Wort. Steht bei Ihnen das Wort auch am Anfang, also gibt es für die Bildkunst eine theoretische oder literarische Plattform?

Wenn ich Themen bearbeite wie z.B. Babylon, dann lese ich natürlich schon, was dazu da ist. Man braucht die Kenntnis, aber man muß versuchen, sich davon völlig zu lösen und sie zu vergessen, um nicht illustrativ zu werden.

Ist bei Ihnen erst der Begriff da und dann kommt das Bild?

Das kann ich nicht so deutlich trennen. Es ist auf keinen Fall so, daß ich mir sage, so, jetzt bearbeite ich mal dies, das interessiert mich, das hat ein interessantes Begriffsfeld, sondern im Prozeß der Arbeit erweitern sich die Bedeutungsfelder und ich entdecke auch neue Ebenen. Darin sehe ich auch einen Vorteil, wenn man selber Sachen anfertigt, weil man beim Machen, bei ganz simplen handwerklichen Tätigkeiten, immer wieder Neues entdeckt das bringt einen weiter...
















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1. The artist may construct the piece
2. The piece may be fabricated
3. The piece need not be built
Each being equal and consistent with the intent of the artist the decision as to condition rests with the receiver upon the occasion of receivership

Zitiert nach: January 5-31, 1969, Ausstellungskatalog, New York: Seth Siegelaub, 1969
























































































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Dr. Hans- Werner Schmidt,
war bis zum Jahr 2000 Direktor der Kunsthalle Kiel und anschließend Direktor des Museums der bildenden Künste in Leipzig. Das Gespräch fand 1995 anlässlich des Landesschaupreises an F. Jörg Haberland statt.
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